Was ist der Neue Deutsche Film und warum lohnt es sich, sich diesen anzuschauen?
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 Der Neue Deutsche Film (auch Junger Deutscher Film) ist eine der aufregendsten Entwicklungsperioden der deutschen Kinematographie.

„Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen“ – erklärte eine Gruppe von jungen, radikal eingestellten westdeutschen Cineasten im Manifest von 1962 in Oberhausen. Mit diesem kurzen und brennenden Manifest wurde die neue deutsche Kinematographie geboren.

Solche Filmemacher wie Alexander Kluge, Haro Senft und Edgar Reitz waren unter den Unterzeichnern von diesem Manifest und unter denjenigen, die langweilige Filme verworfen haben, welche in Westdeuschland dominierten. Sie setzen sich für eine innovative Herangehensweise an die Entwicklung von Filmen ein, die das Publikum aufrütteln und aufklären sollten. Ihre mutigen Ambitionen wurden zur Reaktion auf die künstlerische und politische Stagnation Westdeutschlands in der Mitte des XX. Jahrhunderts.

Die deutsche Filmindustrie befand sich in einem ernsthaften Tiefstand, gewöhnliche und politisch unrelevante Filme nahmen kein Ende, was die jungen Filmemacher dazu zwang, nach der Entwicklung von einer neuen Filmsprache zu streben. Irgendwann galt Westdeutschland als das Symbol des demokratischen Idealismus und des kapitalistischen Erfolgs, aber in der Mitte des Jahrhunderts erlebte es einen Kulturschock.

Die allgemeine gespannte Lage, der weitverbreitete Kampf gegen das Nazierbe, die entsetzliche Fraktion der Roten Armee, hohe Beschäftigungskennziffern, eine neue Lebensweise und Proteste – all das forderte die etablierten und bürgerlichen politischen Institute der geteilten Nation heraus.

Genau in diesem sozialen Milieu entstanden solche Regisseure wie Kluge, Senft und Reitz sowie viele andere Talente: Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Wim Wenders, Margarethe von Trotta und Helke Sander. Diese Personen wurden die Anführer des Neuen Deutschen Films, die von Ende der 60er bis Anfang der 80er Jahre florierten. Sie verwarfen die Routineprozesse der Filmentwicklung und baten den Staat um die finanzielle Unterstützung, um ihre künstlerischen Visionen zu verwirklichen.

Viele Neue Deutsche Filmprojekte bekamen die Finanzierung und Hilfe bei ihrer Distribution vom Bundesinnenministerium und vom Kuratorium Junger Deutscher Film, wodurch die Regisseure die Möglichkeit bekamen, zu experimentieren und das Potenzial ihrer Filme zu erschließen.

In ihrem Bestreben nach der Entwicklung einer neuen tiefsinnigen Filmsprache projezierten die jungen deutschen Filmmacher ihre eigenen (meist linke) politischen Positionen und äußerten sich radikal zu dem Thema der modernen Probleme in ihren Werken. Sie vermischten die Kunst mit der Politik und kritisierten oft die bürgerlichen Institute, kommentierten die Versuche der Versöhnung mit der Vergangenheit, die marginalisierten Gruppen, die Entfremdung der Jugend, die Grenzen der liberalen Demokratie und den Journalismus – die Themen, die 50 Jahre nach der Unterzeichnung des Manifests immer noch aktuell sind.

Leider ist der Entschluss, einen neuen deutschen Film zu entwickeln, nicht in vollem Umfang realisiert worden. Wie in einem Artikel der New York Times im Jahre 1977 berichtet wurde, waren die meisten Filme kommerzielle Misserfolge und wurden „vom deutschen Publikum mit einer gewissen Apathie“ angenommen. So entsprach der Neue Deutsche Film nicht den Anforderungen des damaligen Publikums und bekam keine verdiente Aufmerksamkeit.

In dem Kurzdokumentarfilm über die Neue Deutsche Kinematographie „The Heirs of Daddy’s Cinema“ (1968) hebt der Regisseur Peter Schamoni hervor: „Wir haben einen bestimmten Platz in der deutschen Filmkunst eingenommen“. Diese Behauptung bleibt im Jahre 2018 genau so aktuell wie sie 1968 war. Schließlich leisteten die Anführer der Bewegung eine große Arbeit und polierten das internationale Aufsehen der deutschen Filme auf.

Dutzende von Filmen wurden im Rahmen der Bewegung „Neuer Deutscher Film“ gedreht, sie unterscheiden sich sehr stark voneinander in ihrer Thematik, ihrem Stil und den Ausmaßen. Das beste Mittel, diese Erscheinung kennenzulernen, ist es, sich einfach einige von den unten aufgezählten Filmen anzuschauen, unter welchen sowohl die wichtigsten Vertreter der Bewegung als auch weniger bekannte Prunkstücke sind.


Angst essen Seele auf (Regisseur Rainer Werner Fassbinder, 1974)

Angst essen Seele auf
Fassbinder gilt als Hauptfigur des Neuen Deutschen Films. Er trug zu der Bewegung viel bei, wenn man bedenkt, dass er vierzig Spielfilme, drei Kurzfilme, zwei Fernsehfilme und über zwanzig Dramen während seiner kurzen Karriere drehte, bevor er im Alter von 37 Jahren an einer Überdosierung von Drogen und Alkohol starb.

Ein Antikapitalist, ein politischer Dissident, erforschte Fassbinder, wie die Gesellschaft mit unterdrückten und marginalisierten Gesellschaftsschichten zusammenwirkt.

Der Film „Angst essen Seele auf“, der von klassischen Melodramen von Douglas Sirk inspiriert wurde, erzählt eine unglaubliche Liebesgeschichte zwischen Emmi (Brigitte Mira), einer 60jährigen Putzfrau, und Ali (El Hedi ben Salem), einem marrokanischen Mechaniker. Die Kinder von Emmi ignorieren sie komplett, und Ali wird von seiner Familie im Nachkriegsdeutschland veräußert. Zwei einsame Seelen lieben einander und kümmern sich umeinander in der feindseligen Welt um sie herum. 

 

Ich bin ein Elefant, Madame (Regisseur Peter Zadek, 1969)


Ich bin ein Elefant, Madame
Wie viele seiner Zeitgenossen war Peter Zadek zu jung, um das Nazideutschland direkt zu erleben, dabei war ihm die gesellschaftliche Nachkriegsapathie des Landes fremd. Einige ehemalige Nazis integrierten sich leicht in die Gesellschaft mit einer Mindeststrafe für ihre aktive Beteiligung bzw. Mitbeteiligung an dem Regime, was den meisten Deutschen ermöglichte, die Erinnerungen an die jüngste Vergangenheit zu unterdrücken. Dies provozierte den offensichtlichen Protest auf dem Bildschirm, den wir auch in dem Film „Ich bin ein Elefant, Madame“ beobachten können.

Der Film erzählt über den Protest und das Privatleben einer Gruppe von Oberschülern während ihres letzten Schuljahrs, mit einem besonderen Schwerpunkt auf dem apolitischen Provokateur Rull (Wolfgang Schneider), wessen Methoden die Schulleitung (die ältere deutsche Generation) und junge Mitte-Links-Anhänger empören.

„Ich bin ein Elefant, Madame“ ist ein Film, der mit unterschiedlichen Ideen gefüllt ist, und Zadek identifiziert sich nicht mit einer konkreten Ideologie. Stattdessen demonstriert er die Widersprüchlichkeit der Generationen im Nachkriegsdeutschland und kritisiert sowohl die Jugend als auch die heranwachsende Generation.

Die Lehrer verurteilen den Non-Komformismus und den aufständischen Geist der Studenten, während die Studentenproteste durch Egoismus motiviert sind und nicht wirklich klar dargestellt werden. Der ambivalente Bezug von Zadek zu unterschiedlichen Generationen äußert sich in einer der interessantesten Filmszenen, wo Rull ein Hakenkreuz auf dem Stadtplatz malt, und der Zuschauer kann ein Kaleidoskop von unterschiedlichen Reaktionen der Gesellschaft beobachten – von faschistischen besinnlichen bis zu radikal linken.


Aguirre, der Zorn Gottes (Regisseur Werner Herzog, 1972)


Aguirre, der Zorn Gottes
Während des Aufblühens des Neuen Deutschen Films handelte und handelt der provokative Regisseur Werner Herzog immer noch mit einem großartigen Elan und zeigt seine Figuren zweideutig als unruhige Menschen in unberechenbar chaotischen Situationen.

Der Film „Aguirre, der Zorn Gottes“ zeigt uns den Protagonisten Don Lope de Aguirre (Klaus Kinski), einen Konquistador, der während der Suche nach dem Eldorado verrückt wird. Herzog schafft eine gruselige, distanzierte Atmosphäre mithilfe von einem hypnotisch langsamen Rhythmus, einer bemerkbaren Synchronisation und natürlich einem unheimlichen Schauspiel von Kinski. Kalte blaue Augen, dicke rosafarbene Lippen, ein schiefer Gang – die physische Existenz von Kinski auf dem Bildschirm hebt die Gefahr hervor, die Aguirre droht: er ist so verrückt, dass man denkt, er kann jeden Moment explodieren.

„Aguirre, der Zorn Gottes“ ist mit entsetzlichen Gestalten gefüllt – von einem Floss, das in einen Strömungswirbel geraten ist, von einer Person, die nach deren Enthauptung immer noch sprechen kann, bis zur schaudererregenden Aussage von Aguirre über sein neues Imperium am Ende des Films. Allerdings fielen diese Figuren dem Regisseur nicht leicht. Es ist bekannt, dass die Arbeit an dem Film für den Filmstab zu einem richtigen Alptraum wurde. Sie lebten auf Flössen, sind beinahe verhungert, das gedrehte Material verschwand nach einigen Wochen der Dreharbeiten. Herzog nahm einen offenen Kampf gegen Kinski auf, und ein Teil der Handlung und der Dialoge war eine reine Improvisation.


Der amerikanische Freund (Regisseur Wim Wenders, 1977)


Der amerikanische Freund
Im Laufe der 1970er Jahre wendet Wim Wenders die Integration der US-amerikanischen Popkultur und die Amerikanisierung Deutschlands in seinem Stoff an. Der Film „Der amerikanische Freund“ demonstriert die kinematographische Nostalgie von Wenders; es ist eine Adaption des Romans von Patricia Highsmith im Genre Film noir, und der Regisseur filmt die beliebten US-amerikanischen Cineasten Nicholas Ray und Samuel Fuller in Cameo-Rollen.

Bruno Ganz spielt den unheilbar kranken Jonathan Zimmermann, der ein ruhiges Familienleben mit seiner Frau und seinem Sohn führt. Sein „amerikanischer Freund“ Tom Ripley (Dennis Hopper) ist der unsittliche „Cowboy“ in Hamburg, der ein bisschen Deutsch kann. Durch Betrug macht Tom Jonathan zu einem kaltblutigen Mörder.

„Der amerikanische Freund“ stellt für die Zuschauer keine Herausforderung dar, wie einige Filme von Fassbinder und Herzog, weil der Film über ein ausdrucksvolles Farbschema verfügt, die Hauptrolle ein Hollywood-Star spielt, und der Film hauptsächlich in der englischen Sprache gedreht ist. Für den angehenden Regisseur wurde dieser Film der ideale Eingangspunkt in die deutsche Filmindustrie.

Das Hauptthema des Films ist der Mensch, der dazu gezwungen ist, sein Zuhause zu verlassen. Dieses Thema wird in zahlreichen Szenen betont, wo Männer demonstriert werden, die ziellos Autos fahren, mit dem Zug reisen, in Städten umherirren – ihnen allen fehlt ein tieferes und wichtigeres Ziel.  



Die allseitig reduzierte Persönlichkeit – Redupers (Regisseur Helke Sander, 1978) 


Die allseitig reduzierte Persönlichkeit – Redupers
Helke Sander ist eine der vielen begabten Regisseurinnen des Neuen Deutschen Films, neben Margarethe von Trotta und Helma Sanders-Brahms. In ihrem bahnbrechenden Essay „Film und Feminismus“ lehnt Sander die essentialistische Idee der „weiblichen Kunst“ ab und hebt die Motive hervor, die hinter ihren Werken stehen. „Mit anderen Worten: Der authentischste Akt der Frauen heutzutage – in allen Bereichen, inklusive der Kunst – besteht nicht in der Standardisierung und Harmonisierung, sondern eher in der Vernichtung. Da, wo Frauen ehrlich sind, machen Sie Sachen kaputt“.

Zander demonstriert diese Begriffe der Wahrheitstreue und der Destabilisierung von gewöhnlichen, patriarchalischen Praktiken am Beispiel einer Gruppe der blindwütig treuen Künstlerinnen in dem Film „Die allseitig reduzierte Persönlichkeit – Redupers“. Sander selbst übernimmt die Rolle von Edda, einer Fotografin, die sich zusammen mit ihren Kollegen darum bemüht, das echte Berlin auf dem Bild festzuhalten und die standardisierten vereinfachten Klischees über diese Stadt zu brechen.  

Auf ihrem Weg müssen Edda und ihre Kolleginnen-Fotografinnen mit unterschiedlichen Mächten konfrontiert werden, die Ihnen gegenüberstehen, vom Künstlerrat bis zur Missachtung des Leiters der Werbeagentur, welche meinen, Edda soll sich auf ausschließlich „weibliche Angelegenheiten“ konzentrieren.

Der Film „Die allseitig reduzierte Persönlichkeit – Redupers“ zeigt eine Menge von gesellschaftlichen Erscheinungen, und zwar den Kampf der Künstlerinnen um ihre Rechte, die unanfechtbaren Gemeinsamkeiten zwischen West- und Ostberlin trotz ihrer Aufteilung und die korrupten Organisationen, die den Feminismus für ihre finanziellen Interessen ausnutzen.


Die Ehe der Maria Braun (Regisseur Rainer Werner Fassbinder, 1978)


Die Ehe der Maria Braun
Wie Zadek interessierte sich Fassbinder für die Verhältnisse zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart und zeigte den Einfluss der faschistischen Geschichte Deutschlands auf die bürgerliche Nachkriegsgesellschaft. Diese Themen werden in dem Film „Die Ehe der Maria Braun“ angeschnitten, der einen großen Erfolg im internationalen Verleih sowie unter den ausländischen Kritikern bekam.

Der Film beginnt damit, wie Maria Braun (Hanna Schygulla) den Soldaten Hermann Braun (Klaus Löwitsch) inmitten vom Chaos und Bomben heiratet. Nachfolgend beobachtet der Zuschauer Maria, die ein Aufblühen im Nachkriegsdeutschland erlebt und dabei Hermann treu bleibt, der Person, die sie kaum kennt. Maria ist hart und merkantil, sie nennt sich selbst „Mata Hari des Wirtschaftswunders“ und nutzt ihre Sexualität, um genau das zu bekommen, was sie will, und verheimlicht nie die wahren Motive vor ihren Opfern.

In diesem Film kritisiert Fassbinder demonstrativ die Gesellschaft, die versucht, ihre Vergangenheit zu vergessen. Marias Treue Hermann gegenüber gibt ihre Ergebenheit der besiegten Nation gegenüber metaphorisch wieder, und ihr pragmatisches, weitblickendes Gemüt spiegelt die typische deutsche Nachkriegsdenkweise wider, die sich frei nach vorne bewegen wollte.

Fassbinder zeigt uns die Menschlichkeit von Maria, die in ihre zerstörte Schule zurückkehrt. Fein bekleidet, auf hohen Absätzen, stolpert sie über die Ruinen. Zusammen mit ihrer Schwester lachen sie, weinen und singen. Die Szene zeigt, dass der finanzielle Erfolg von Maria ein Escapismus ist, der jedoch nicht absolut ist: Die langwierigen Folgen des Zweiten Weltkriegs sind real, und der Versuch, sie zu ignorieren, ist verantwortungslos.


Das ist bei weitem nicht die komplette Liste des Neuen Deutschen Films. Wir empfehlen Ihnen, sich unter anderem auch folgende Filme anzuschauen: 

„Die bleierne Zeit“ (1981), „Abschied von gestern“ (1966), „Deutschland, bleiche Mutter“ (1980), „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) und „Der junge Törless“ (1966).
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